Aktualisiert am 03.09.2010
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Chancen und Risiken im Bildungs-Netz

Das Internet ermöglicht nicht nur Flexibilität beim Lernen, sondern auch soziales Lernen. Die Welt des Web 2.0 macht es möglich, birgt aber neben Chancen auch Risiken. Ein Interview mit Prof. Dr. Joachim P. Hasebrook. Von Alexander Karp
 


 
  BILDUNGaktuell: Was ist für Sie persönlich die wichtigste Innovation des Lernens?

Prof. Dr. Joachim P. Hasebrook, wissenschaftlicher Leiter der LEARNTEC: Die zahllosen Möglichkeiten der „sozialen Suche“ nach Inhalten und Personen sind für mich der größte und wichtigste Fortschritt: Statt „vorverdauter“ Inhaltshäppchen von Experten gibt es kräftige Praxiskost, gewürzt mit Markierungen, Kommentaren und Kennzeichnungen anderer Nutzer, Querverweise zu Communities, die sich um Praxistransfer und ständige Qualitätsverbesserung kümmern. Es gibt Hinweise auf Experten und Expertengruppen, bei denen die „Fäden zusammenlaufen“. Endlich wird das Lernen nicht nur effizienter (WBT) und flexibler (Blended Learning), sondern auch noch effektiver und zwar durch das Einbeziehen informeller und sozialer Lernprozesse sowie auch durch die enge Vernetzung von Lern- und Arbeitsumgebung.

Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen, den Anschluss im Umgang mit neuen Technologien nicht zu verlieren?

Prof. Dr. Joachim P. Hasebrook: Niemand nimmt an einem Online-Kurs teil, weil es so schön ist, online zu lernen. E-Learning ist attraktiv, weil es eine zeitlich und räumlich flexible Lösung bietet, die es leichter macht, Beruf, Karriere und Familie oder Freizeit miteinander zu verbinden. Betriebe gewinnenFäund halten so talentierte und erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, z. B. während Eltern- und Weiterbildungszeiten.

Erfolgreiche Ansätze zur Techniknutzung in Betrieben hatten nicht die Technik und auch nicht einfach die Akzeptanz der Technik im Auge; sie haben sich auf die Ansatzpunkte konzentriert, wo IT schon bisher erfolgreich im Einsatz war und diese schrittweise erweitert, so dass Qualität und Wirtschaftlichkeit der Lösungen stets verbessert wurden. Immer mehr Menschen tauschen im Internet ihr Wissen aus und organisieren sich in Netzwerken.

Wie können Schulen und Universitäten von den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des Internets profitieren?

Prof. Dr. Joachim P. Hasebrook: Das neue, das „soziale Internet“ (oder Web 2.0) beruht auf drei Prinzipien: Viele Menschen können sehr einfach Inhalte beitragen, z. B. Texte, Fotos, Videos und Musik. Alle können dazuihre Meinung sagen, durch Kennzeichnung, Auswahl oder Kommentare. Alle Inhalte und Angebote im Web können einfach miteinander verbunden und vermischt werden. Kurz: Aus dem Internet der Expertenplattformen und Firmenbroschüren ist ein Netzwerk der Gerüchte, Meinungen und Bewertungen geworden.

Schulen und Universitäten müssen einerseits viel aktiver als bisher den Meinungsmarkt für sich mitbestimmen und junge Menschen auf die Gefahren der unbegrenzten Möglichkeiten im Web hinweisen. Andererseits hilft das Web 2.0 als Infrastruktur für Bildung informelle und in den Arbeitsprozess integrierte Lernprozesse zu unterstützen. Lernen wird praxisnäher und ist weniger an formale Regeln undGrenzen gebunden. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weiter von der Vermittlung von Fachwissen und dem Trainieren von Fähigkeiten hin zu Kompetenzerwerb und Kompetenzentwicklung. Denn: Kompetenz ist die Fähigkeit in offenen Situationen erfolgreich zu handeln, und daher in unserer von Innovationen abhängigen, offenen Netzwerkökonomie wichtiger denn je.

Vom „neuen Exhibitionismus im Internet“ berichtete jüngst die ZEIT und verwies dabei auf den großen Teil der Internetuser, die ohne Bedenken Daten und Informationen über sich im Netz preisgeben. Was müssen Kinder, Jugendliche, Eltern aber auch Pädagogen beachten, wenn sie sich im Internet bewegen?

Prof. Dr. Joachim P. Hasebrook: Das Internet ist ein wunderbares Austauschforum für rund 1,5 Milliarden Menschen weltweit: Aus dem globalen Dorf ist eine internationale globale Großstadt geworden. Das Internet ist aber auch ein Marktstand für dubiose Geschäftemacher, die nach Adressen, Kreditkartennummern und Passwörtern fischen, und ist eine Möglichkeit für gestörte Persönlichkeiten, die unter dem Deckmantel der Anonymität nach Sex und Gewalt suchen. Kinder müssen wissen, dass sie sich nicht darauf verlassen dürfen, in Chats mit anderen Kindern zu reden: Es kann auch ein getarnter Erwachsener sein.

Kinder müssen wissen, dass sie niemals ihre Adresse und Fotos von sich ins Internet stellen dürfen. Doch beim Internet hört die geforderte Medienkompetenz nicht auf: So müssen Kinder auch wissen, dass das Laden von Klingeltönen meist zu teuren Abonnements führt und dass Handyfotos und -videos schnell im Internet landen können.Vom Versuch, den PC der Eltern mit spezieller Software zu sichern, halte ich genauso wenig wie von einem eigenen PC für Kinder unter10-12 Jahren. Da sie die Gefahren kaum richtig einschätzen können. Die einzige wirkliche Möglichkeit, vor Gefahren zu schützen und gleichzeitig Medienkompetenz zu entwickeln, ist die kontrollierte, gemeinsame Mediennutzung: Das war (und ist) schon beim Fernsehen und Videoschauen so, und das ist beim Internet nicht anders.

 
 
 
 

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